Anna Anders
Jürgen Kisters: Die Alltagswelt als künstlerisches Thema. Anna Anders bezieht den Bildschirm in ihre Videoarbeiten ein."
In: Kölner Stadt-Anzeiger vom 27. April 2004, S. 25.
Die Alltagaswelt als künstlerisches Thema . Anna Anders bezieht den Bildschirm in ihre Videoarbeiten ein.
Köln ist eine Stadt der Kunst, keine Frage. Und getragen wird diese Kunst von Menschen. Der "Kölner Stadtanzeiger" stellt Künstlerinnen und Künstler vor, die in Köln leben und arbeiten.

Speziell wegen der Kunsthochschule für Medien (KHM) kam Anna Anders (Jahrgang 1959) vor 12 Jahren nach Köln. Davor hatte sie in ihrer Geburtsstadt München bereits Kunst an der Akademie der Bildenden Künste studiert, an den wichtigen Orten der Kunstszene ausgestellt, ein Refrendariat als Kunsterzieherin absolviert und für das bayrische Fehrnsehen gearbeitet. "Doch irgendwie dümpelte in München in der Kunst alles so dahin. Und so war es für mich höchste Zeit, mich in eine Umgebung zu begeben, die im Bereich der sogenannten Neuen Medien mehr zu bieten hatte, sagt sie rückblickend. Vor allem Video hatte sie seit ihrem Kunststudium besonders interessiert, "wegen der Dimension der Bewegung". In der Zeichnung hatte sie sich dagegen immer eingeschränkt gefühlt und in der Malerei wiederum zu geprägt von den Vorgängern der Kunstgeschichte. "Der Bereich Video war noch nicht so beackert. Da lag viel Offenheit drin", erklärt sie. Und die KHM war für ihre künstlerische Entwicklung somit genau der richtige Ort, steckte Kölns neue Künstler-Nachwuchsschmiede in der Zeit ihres Studiums doch gerade in der Aufbauphase. Die noch wenigen Studenten und Dozenten waren von großer Euphorie und viel Experimentierbereitschaft beseelt. "Wir wurden sehr gefördert, der Arbeitselan war enorm, und viele Innovationen wurden auf die Beine gestellt", erinnert sie sich.Von Anfang an war die ganz gewöhnliche Arbeitswelt ihr künsterisches Thema, das sie inzwischen nicht mehr nur in kleinen Videoschirmarbeiten, sondern auch in komplexen Rauminszenierungen oder als interaktives Erlebnis im Touch Screen vor Augen führt. Die Besonderheit ihrer Arbeit: den Bildschirm als "materielles Ereignis" ins Kunstwerk einzubeziehen, eine stille Balance als Nachdenklichkeit und Witz und das Kunststück, im hochkompliziertem technischen Medium den Geist der Einfachheit zu bewahren. Für Anna Anders steht fest: "Die KMH hat sich inzwischen als feste Größe in Kölns Kulturlandschaft etabliert, auch wenn viele Menschen die Kunsthochschule im Stadtbild nicht wahrnehmen." Viele K ölner KMH-Absolventen werden längst von den Kölner Galerien vertreten, wie sie selbst von der Galerie Rivet. Gerade wegen der ernormen Präsenz von Künstlern im Feld der Neuen Medien verwundert es Anders umso mehr, dass die öffentlichen Kunstinstitutionen so ohne jede Frische und bislang nichts von diesem Potenzial aufgreifen. "Die spannenden Austellungsimpulse werden anderswo gesetzt. So in den vergangenen Jahren speziell in Düsseldorf, jüngst mit Gerry Schum, William Kentridge oder der großen Video-Clip-Show. Dort hat sich einiges entwickelt", sagt sie. Die lange Liste der kulturellen städtischen Versäumnisse (zu früher Abbruch der Kunsthalle, das Lochspektakel, das Fehlen kleiner künstlerischer Experimentierräume im Off-Bereich, eine seit Jehren unsichere Ateliersituation und fehlende städtische Projekt-Impulse) ist für Anna Anders nur ein Indiz dafür, dass in Köln derzeit keine gute Stimmung herrscht, der kulturelle Schwung fehlt und vor allem kein ehrliches Konzept vorhanden ist, das eine Perspektive aufzeigen würde. Ein großes Problem sieht sie in der Überalterung der hiesigen Kunst- und Kulturszene. "Hier sind alle in die Jahre gekommen. Sie sind zufrieden. Sie haben eine gute Zeit erlebt in den 60er, 70er, 80er Jahren, und jetzt machen sie sich das Leben so angenehm wie möglich. Sie haben den Ruf, aber sie setzen derzeit keine Impulse mehr", so Anders. Allein die Kulturhauptstadtbewerbung ist für sie daher kein Grund für Zuversicht. Vieles hänge davon ab, dass die Verantwortlichen der Stadt mit ihren Möglichkeiten ein Klima schaffen, in der das Wort Kultur nicht nur eine selbstverkennende Beschwörungsformel und hohle Werbefloskel ist. "Was allerdings unverrückbar für Köln spricht, ist seine zentrale Lage im Herzen Europas", sagt Anna Anders. Es ist eine Stadt, von der aus man schnell woanders ist. Für mich passiert viel woanders – durch Köln."